Tai Chi als Kampfkunst

von Volker Jung
 

Über Tai Chi als effektives Gesundheitssystem und tanzartige Bewegungsmeditation wurde in den letzten Jahren reichlich im deutschsprachigen Raum publiziert. Aber wie steht es mit fachkundigen Publikationen in Bezug auf die real existierende hoch effektive Selbstverteidigungskomponente und die ursprüngliche Funktion des Tai Chi als einer der besten Kampfkünste im alten China? Wo liest man darüber etwas, oder noch anders gefragt, wo sieht man mal einen Tai Chi Meister kämpfen, oder sich in Push hands Wettbewerben mit den Meistern anderer Tai Chi-Stile in ihren sportlichen Fähigkeiten messen? Ich muß leider aus eigener Erfahrung eingestehen das diese Ereignisse recht selten sind. Deshalb habe ich mich entschlossen, einmal meine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen in der realen Kampkunstkomponente des "Inneren Kampfstiles Tai Chi Chuan" einem größeren und fachkundigen Publikum mitzuteilen. Um meine Ausführungen etwas besser einordnen zu können gebe ich Ihnen eine kurze Biografie meiner kampfsportlichen und kampfkunstbezogenen Ausbildung.

Ich begann mit dem 10. Lebensjahr meine 3 Jahre andauernde Judoausbildung. Heute bin ich 46 Jahre alt und habe mich seither mit:

 

1.
Judo, Karate, westlichem Boxen, Tae-Kwon-Do (Vollkontakt ) als äußere Kampfkünste
 
     
2.
Mit Wing Tsun der EWTO als halb innerem System
 
     
3.
Mit den 3 klassischen "inneren Kampfkünsten" Hsing-I, Tai Chi Chuan, Ba Gua Zhang
 
     
4.
"Liu He Ba Fa", eine in der BRD noch wenig bekannte, die drei inneren Systeme einschließenden Kampfkunst intensiv beschäftigt
 
     
5.
Außerdem beschäftige ich mich seit 1987 intensiv mit Qi Gong, der taoistischen Meditation und der inneren Alchemie der Taoisten
 
     
6.
Begleitend und ergänzend studiere ich noch TCM und einige chinesische und japanische meridianbeeinflussende Massagetechniken wie Chi Lei Jong und INOCHI.
 

Wie Sie sehen können, sind meine Kenntnisse sehr breit gefächert und basieren nicht auf Annahmen und Spekulationen, sondern auf eigener Erfahrung und ständiger, langjähriger Forschungsarbeit.

Als ich von den äußeren Systemen (Vollkontakt-Taekwon-Do) mit viel Sparringserfahrung und intensiver Schutzkleidung zum Wing Tsun kam, erfreute mich die überaus praktische und effektive Übungspraxis der klebenden Hände, die meines Erachtens schon eine sehr gute Überleitung vom harten zum weichen darstellte.

Nach einigen Jahren des Übens erschien mir die angewandte Muskelspannung aber immer noch zu hart und ich suchte weiter nach einem noch weicheren und innerlicherem System. So kam ich zum Tai Chi des Yang-Stils. Zunächst konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie man mit so langsamen Bewegungen überhaupt jemals werde kämpfen können. Meine ersten Kontakte erfolgten leider auch mit Übungsleitern, die wenig bis keine reale Kampfkunsterfahrung hatten und weitestgehend auch gar nicht am Kampfaspekt des Tai Chi´s interessiert waren, was übrigens für die Mehrzahl der heute in Deutschland Praktizierenden gilt.

Erst als ich mir in Frankfurt im Jahre 1983 eine Demonstration mit einem richtigen Tai Chi Meister aus England angesehen hatte, wuchs mein Respekt in Sachen Tai Chi als Kampfkunst. Zwar wurde in keiner Weise während der Vorführung real frei gekämpft, aber meinem geschulten Auge entging nicht, daß ich hier mit einer bislang noch nie gesehenen Kraft der inneren Energie konfrontiert wurde. Der Meister bewegte ohne sichtbare Schwierigkeiten mehrere Menschen, die ihn versuchten festzuhalten oder umzuwerfen. Nie zuvor hatte ich solches gesehen, nur in den mythischen Geschichten der unbesiegbaren Tai Chi-Meister hatte ich ähnliches gelesen. Gab es jetzt für mich endlich die Gelegenheit, direkt von einem solchen "authentischen Meister" zu lernen? Ich wurde für die nächsten 7 einhalb Jahre sein Schüler und lernte viel über die inneren Prinzipien des Yang Tai Chi´s.

Aber Kämpfen mit Tai Chi lernte ich nicht. Ich suchte weiter und fand andere Meister, sehr bekannte und weniger bekannte, die näher an das heranreichten, was man sich unter Tai Chi als Kampfkunst vorstellen mag. Heute, nach über 30 jährigen Bemühungen meinerseits an das alte funktionierende Kampf-Tai Chi der legendären Meister heranzukommen, bin ich schon ein sehr gutes Stück weiter. Heute weiß ich, welchen Umfang eine wirklich vollständige Tai Chi-Ausbildung der alten Zeit haben muß, um realistische Kampffähigkeiten entwickeln zu können. Im folgenden werde ich versuchen Ihnen allen darzustellen, die sie vielleicht auch schon jahrelang nach einem Komplettsystem suchen, daß alle Fähigkeiten entwickelt die nötig sind um:

 

1.
Tai Chi als Gesundheitssytem
 
2.
Tai Chi als Kampfsystem
 
3.
Tai Chi als daoistisches spirituelles Transformationssystem

zu gebrauchen.

 

"Man kann was man übt!"

 

Im Grunde bringt man in einem Zweikampf in Sekundenbruchteilen seine gesamte Lebensweise auf den Punkt. Ist man im Leben erfolgreich, wird man voraussichtlich auch im Kampf gute Chancen haben. Um im Leben wie im Kampf erfolgreich zu sein, zu überleben, muß man die Essenz seiner im Leben erworbenen Fähigkeiten im rechten Moment parat haben, sie blitzschnell aktivieren können, sie auf den Punkt verdichten können, um dann wenn es gilt effektiv zu handeln. Einen Zweikampf unter Umständen auf Leben und Tod zu bestehen, gehört genauso zum Ausbildungsumfang eines guten Tai Chi Lehrsystemes, wie die Fähigkeit gemäß der Tai Chi Prinzipien lebenswichtige Entscheidungen klug und weise zu treffen. Oder lassen Sie es mich anders formulieren: Ein gutes " vollständiges Lehrsystem des Tai Chi ", das den Anspruch einer traditionellen Authentizität erhebt, muß dieses alles zu leisten im Stande sein.

Dies bringt uns zu dem alles entscheidenten Punkt:

 

Was beinhaltet ein "vollständiges Tai Chi-Lehrsystem"?

 

1. Wie erwirbt man sich die nötigen Fähigkeiten?  
     
2. Was muß es beinhalten?  
     
3. Wie muß es aufgebaut sein?  


Zu 1. Wie erwirbt man sich die nötigen Fähigkeiten? 

Indem man Schritt für Schritt alle nötigen Einzelfähigkeiten trainiert, die zum Erreichen der jeweils gewünschten Ziele nötig sind.

In jeder der Vertiefungsstufen und in jedem Yin-Yang Prinzip werden spezifische Fähigkeiten erworben. Ebenso in jeder Teildisziplin (siehe Gliederung) müssen spezifische Fähigkeiten erworben werden. Diese müssen im Rahmen des Gesamtsystemes zu einem voll funktionsfähigen Gesamthandlungsablauf führen, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Eine alle Teilschritte vom ersten bis zum letzten umfassende Theorie ist ein wesentlicher und unverzichtbarer Hauptbestandteil dieses Systemes.

Von Anfang an muß für jeden Teilbereich das höchste zu erreichende Ziel definiert werden.Es müssen ausnahmslos alle Techniken benannt werden, die nötig sind, um eine realistische Chance zu haben, sein gestecktes Ziel zu erreichen. Also: Was genau macht mich gesund, steigert meine Kampffähigkeit, erweitert meinen geistigen Horizont?

Zu Punkt 2. Was muss es beinhalten?

Hier folgt eine bisher meines Wissens nach noch niemals veröffentlichte Liste aller Teilfähigkeiten, und diejenige Übung welche diese Fähigkeiten entwickelt.
Teilfähigkeit Fachbegriff Übung, mit der man sie erwirbt
1. stabiles Stehen Verwurzeln (rooting) durch Stehmeditation und Stilles Qi Gong-Stehen mit verschiedenen Armhaltungen. Power Push Hands.
2. stabiles Bewegen mooving roots mit intakter innerer Struktur (körperliche + energetische Statik) Das Üben der Slow Form (langsamen Form), was ca. 80% aller Tai Chi-Schüler für ausreichend halten. Moovin roots nach Don Miller 5 facher USA-Meister
3. schnelles stabiles Bewegen Fließgleichgewicht "sports car effect" Fast-Form (schnelle Form), San Shou, Eight Powers-Training
4. hohe Flexibilität sein wie Wasser spezielle Bodenübungen nach Meister Huang und Power-Stretching nach George Xu
5. gutes Gleichgewicht immer in seiner Mitte ruhen Formtraining, Push Hands, Fast-Form, spezielle Vorübungen
6. Sensibilität die Energie des Gegners und die eigene hören und fühlen können Push Hands + San Shou, freies Push Hands, Ta Lu, Qi Gong und Meditation
7. extreme Schnelligkeit gedankenschnell sein Fast-Form und San Shou
8. Stehen wie ein Fels substantiell sein Power-Push Hands, Stehmeditation, Sitzmeditation und Qi Gong-Stehen
9. weich sein wie Wasser insubstanziell sein freies Push Hands + San Shou, absichtsloses meditatives Verfolgen einer Bewegung
10. in Kontakt zum Gegner kommen suchende Arme 1. Kontakt- oder Hand Fightingform
11. Abstandsgefühl Timing wesentliche Fähigkeiten im Kampf San Shou oder Two men set, Push Hands-Eröffnungen nach Meister Wei Lun Huang
12. Beurteilungs- und Situationserkennung adäquate Handlungsstrategie freies Push Hands und realistische Selbstverteidigung
13. Große Willenskraft Yi-Training Yi-Kung
Räumliches Vorstellungsvermögen   3 Kreise Push Hands und Waffentraining, besonders Speer + Stock

 

Zu Punkt 3. Wie muss es aufgebaut sein?

Wie muß das System und das Training oder die Ausbildung aufgebaut sein, um die beschriebenen Fähigkeiten zu erwerben und die gesteckten Ziele zu erreichen ?

Man kann natürlich nicht erwarten, daß man in wenigen Wochen die oben beschriebenen Fähigkeiten erreichen könnte, ganz gleich wie hart und intensiv man übt, oder wie großzügig auch immer ein Lehrer oder Meister sein Wissen an seine Schüler weiterzugeben bereit ist. Es dauert schon einige Jahre, sagen wir 6-10 Jahre, um die meisten der oben genannten Fähigkeiten zu erreichen. Es kommt aber auch nicht einfach von selbst, wenn man nur 20 Jahre dabei bleibt und wesentliche Teile der Ausbildung einfach wegläßt, weil man sie seitens des Lehrkörpers einfach nicht unterrichtet, vielleicht um Machtverhältnisse zu stabilisieren, oder sie auch im Falle einiger sogenannter "Tai Chi Meister" vielleicht noch nicht einmal selbst gelernt hat. Ich spreche hier vor allem von der "Fast Form" und dem " San Shou " aber ebenso von den "3 Kreise Push hands", dem "8 powers training", "der Speer-Form" und den "power push hands".

Es ist kaum zu glauben, aber das meiste, was ich mittlerweile selbst übe und auch unterrichte, übt scheinbar kaum jemand, die meisten, mit denen ich spreche, kennen viele dieser Übungen überhaupt nicht. Wie kommt das? Es herrschen viele irrige Meinungen und an manchen Stellen frommes Wunschdenken darüber, wie man zu den Fähigkeiten der alten sagenumwobenen Tai Chi Meister kommt. Viele denken, wenn sie nur oft genug den Ablauf der langsamen Form trainieren und vielleicht noch einige Minuten täglich im Qi Gong stehen, sei das bereits alles was man tun müßte, um ein guter Tai Chi Kämpfer zu werden. Wer so denkt, wird ein Leben lang nur von den mystischen Fähigkeiten alter Tai Chi Meister träumen.

Laut Bruce Kumar Frantzis, einem meiner zahlreichen Meister, benötigt man folgende tägliche Übungszeit, um in den eingangs genannten 3 Zielbereichen Erfolge zu erzielen:

1.
Tai Chi als Gesundheitssytem täglich zwischen 15 - 60 Minuten  
   
2.
Tai Chi als  Kampfsystem  täglich zwischen 1 und 6 Stunden  
   
3.
Tai Chi als  spirituelle Übung täglich mehr als 6 Stunden.  

 

Ich habe schon ernsthaft Menschen den Wunsch äußern hören, daß sie von purem Slow- form laufen morgens und abends unsterblich werden wollen. Andere wiederum denken, wenn sie oft die stilisierten Abläufe von Single, Double Push hands und flachem Kreis Push hands wiederholen, würden daraus für den Kampf realistische Fähigkeiten erwachsen. Auch das gehört mehr ins Reich der Träume als in die Realität, da ein realistisches Kämpfen mit Tai Chi so gut wie nie geübt werden kann, denn solange man es nicht kann, helfen die bloßen Bewegungen der Form ohne den Einsatz der inneren Energie " Qi " nicht besonders viel. Wenn man das " Qi " willentlich und gezielt in den einzelnen Selbstverteidigungsanwendungen einzusetzen gelernt hat, ist es sehr gefährlich und kein Spiel, den freien Kampf zu üben. Das mußten schon einige Schüler und Lehrer am eigenen Leib erfahren. Es kommt schon ziemlich schnell zu Knochenbrüchen oder energetischen Verletzungen. Diesem beugt man vor, indem man Schritt für Schritt mit in jeder Lernstufe eingebauten Sicherheitsmaßnahmen vorangeht und sich gewisse Fähigkeiten durch Techniken erwirbt, bevor man zur nächsten komplexeren Übung übergeht.

Das " San Shou " oder Two men set, eine Zwei-Mann Kampf Form oder Choreographie mit ca. 80 Bewegungen pro Form stellt, meines Erachtens die realistischste Annäherung an einen freien Kampf dar, die ohne Verletzung möglich ist. Es werden ca. 95 % realistische Annäherung an ein reales Kampfgeschehen erreicht. Neben der 3 teiligen Form muß man unbedingt lange Zeit Partnerübungen aller Art praktizieren. In den Partnerübungen erlernt man folgende innere Energieunterarten kennen und nach und nach gezielt einsetzen:
 

Die ersten sieben inneren Energien des Tai Chi im Überblick

1.
Klebende Energie "Chan nien": Man muß in der Lage sein allen Bewegungen, die ein gegen über ausführt, zu folgen sozusagen an ihm kleben zu können. Dafür gibt es spezielle Übungen auch mit geschlossenen Augen.
 
 
2.
Hörende Energie "Ting Chin": Man muß die Energie und die Vorhaben des Gegners mit seinen Körperwerkzeugen Armen und Beinen überhaupt erst einmal registrieren können (hören) bevor man adäquat darauf reagieren kann. Durch bestimmte Sensibilisierungsübungen der Hände, Arme und Beine in der Anfangsphase, später am gesamten Körper, wird diese Fähigkeit mittels eines erfahrenen Lehrers erlernbar.
 
 
3.
Verstehende Energie "Tung": Erst wenn man etwas hört kann man sich daran machen die Intentionen und Angriffe des Gegners zu verstehen Dies erfordert eine direkte, langwierige Einweisung durch einen kundigen Lehrer. Wann wird man bedroht, und wann würde die Bewegung einem nicht in seiner Standfestigkeit bedrohen? Finten können einen Tai Chi Kämpfer niemals irritieren, da er Energien hört und versteht mit der überragenden Entwicklung seines Tastsinnes, ohne Zuhilfenahme der Augen. Dies gilt übrigens in gleichem Maße für WT. (Wing Tsun)
 
 
4.
Aufnehmende Energie "Tsou": Man muß lernen einen gegnerischen Angriff sanft und weich aufzunehmen ohne seine eigene innere Struktur oder sein Gleichgewicht zu verlieren. Zuerst muß man Yin- oder aufnehmend sein können, bevor man etwas aktiv zur Gegenwehr einsetzen kann. Ohne Yin kein Yang.
 
 
5.
Neutralisierende Energie "Hua": Diese Energiewahrnehmung ist sehr entscheident für einen guten, erfahrenen Kämpfer. Ohne einen gegnerischen Angriff richtig entschärfen zu können, bleibt eine Kontertechnik stets ein Risiko. Erst wenn man den gegnerischen Angriff völlig neutralisiert hat und keinerlei eigene Verletzungsgefahr mehr besteht, kann man sich an eine geeignete Gegenmaßnahme machen. Dies gilt besonders im Kampf eines unbewaffneten gegen einen bewaffneten Gegner.
 
 
6.
Borgende Energie "Chieh": Eine Fähigkeit die Kraft, die Schnelligkeit und die Schwungkraft eines gegnerischen Trittes oder Fausthiebes für seine eigenen Zwecke auszunutzen. Auch das Aikido und das Wing Tsun verwenden oft diese Energien.
 
 
7.
Herausgebende Energie "Fa" : Diese ist die erste Yang Energie nach 6 mehr oder minder nur Yin mäßig eingesetzten Energien. Dies ist der Moment der ersten eigentlichen Gegenwehr, nachdem man streng genommen dem Gegner 6 mal die Chance gab sich seine Aggression noch einmal gründlich zu überlegen. Leider liegen diese 6 vorausgegangenen Energieanwendungen, die sich in Sekundenbruchteilen bei einer erfahrenen Person abspielen, meist jenseits der normalen Wahrnehmungsschwelle eines äußeren Kampfkünstlers. Äußere Kampfkünstler trainieren einfach andere Dinge, sie sind deshalb keine schlechteren Menschen, oder Kämpfer das sei hier unbedingt gesagt. Ich kann mir ein Urteil erlauben, da ich in meiner fast 30 jährigen Laufbahn 4 äußere und 4 innere Stile langjährig praktiziert habe. Es sind völlig verschiedene Welten, die äußeren und die inneren Kampfkünste. Jeder Mensch muß selbst entscheiden, welche Welt ihm persönlich mehr zusagt, oder ihm mehr entspricht. In jeder der beiden Welten kann man Befriedigung und Erfüllung finden. Ich persönlich habe immer den Stil am meisten gemocht den ich gerade am intensivsten trainierte. Heute gefallen mir "LIU HE BA FA" + TAI CHI am Besten.
 

 

Diese 7 vorgestellten Energien kann man sinnvoller Weise erst nach einiger Praxis in den Tai Chi Partnerübungen eintrainieren. Ohne die differenzierte Qi- Wahrnehmung in der Form, dem Qi Gong, der taoistischen Meditation und vor allem in den Push hands Partnerübungen kann man die höheren geradezu sagenumwobenen inneren Kampfkunstfähigkeiten niemals erwerben, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Es sind genau detailliert beschriebene Vorgänge, die man gezeigt und erklärt bekommen muß und danach selbst sehr intensiv einüben muß. Sie nur zu kennen ist nur die halbe Miete. Viele mir bekannte Tai Chi Meister vereinfachen diesen 7-fachen Vorgang und reduzieren ihn auf nur 2 Energien die sie "Na" (kleben) und "Fa" von "Fa-Jing" (Aussenden oder Pushen) nennen.

Ich möchte nicht darüber spekulieren, ob sie es nicht besser wissen, oder es nicht ganz differenziert unterrichten wollen. Das kann sich jeder selbst beantworten. Mir jedenfalls sagt die oben genannte Reihenfolge der ersten 7 von mindestens 38 verschiedenen "Qi´s", die im Tai Chi verwendet werden, sehr zu. Es macht vielleicht in Ansätzen auch für sogenannte "äußere Kampfkünstler" die ungeheure Vielfalt und Komplexität der "inneren Kampfschulen und Stile" etwas transparenter. Während man in äußeren Kampfkünsten mehr Augenmerk auf Schnellkrafttraining, Abhärtung und muskuläre Dehnung legt, werden in den inneren Kampfkünsten andere Sinne und Fähigkeiten, eingeübt, die meist jenseits der normalen körperlichen, energetischen und geistigen Wahrnehmungsschwelle liegen. Es gibt Übungen um minimale Druckunterschiede und ebenso geringe Richtungsänderungen von Bewegungen wahrnehmen und klassifizieren zu lernen.

Außerdem kommen neben der extrem gesteigerten Eigenwahrnehmung noch Übungen hinzu, den Anderen genauso differenziert wahrzunehmen wie sich selbst. Das geht soweit, daß man sogar Teile des leeren Raumes zwischen sich und dem Gegner wahrzunehmen lernt. Von der detaillierten geistigen Ausbildung will ich an dieser Stelle noch gar nicht reden. Man muß die "inneren Künste" einfach am eigenen Leib spüren. Darüber auch noch so detailgetreu wie möglich zu reden, oder wie in meinem Falle zu schreiben, gibt die ganze Sache noch lange nicht so wieder, wie man sie erfährt. Das meiste in den inneren Künsten lernt man durch Nachahmen von Gefühlseindrücken, die einem ein Meister dieser Kunst vermitteln muß.

Gegen Ende möchte ich noch den "5 Phasen Kampf" beschreiben. Jedes wie auch immer geartete Kampfsystem muß Übungen enthalten, um auf die 5 möglichen Phasen eines Kampfes gut vorbereitet zu sein. Es müssen Techniken sein, um vom ersten Kontakt bis in den Bodenkampf mit Haltegriffen und Würgegriffen zu kommen. Fehlt ihm eine oder gar mehrere Phasen, kann man es als komplettes System nicht ernst nehmen. Ein komplettes System muß folgende Techniken aufweisen können:

 

Der 5-Phasen-Kampf

 

  1. Phase: Vom Nicht-Kontakt zum ersten Kontakt meist über die längeren Beine.  
     
  2. Phase: Vom ersten Kontakt zur Armdistanz (Fausteinsatz)  
     
  3. Phase: Vom Arm- Faustkampf zum Nahkampf (Ellenbogen und Schulter)  
     
 
4. Phase: Vom Nahkampf zum zu Boden werfen (Wurf- Schleuder- und Fußfegertechniken.)
 
     
  5. Phase: Bodenkampf (Würgegriffe + Armhebel + Haltegriffe).   

 

Zum Abschluß möchte ich noch einige Worte über einen sehr umfangreichen und meines Erachtens sträflich vernachlässigten, aber essentiellen Teilbereich der "inneren Kampfkunst Tai Chi" berichten, dem 3 Kreise Prinzip und den diese speziellen extrem effektiv im Kampf einzusetzenden Fähigkeiten entwickelnden "3 Kreise Push hands". Dies ist eines meiner Spezialgebiete. Die 3 Kreise Pushhands entwickeln die Fähigkeit jedes der 3 Armgelenke separat unabhängig vom jeweil anderen auf 3 verschiedenen Kreisen oder Dimensionsebenen zu bewegen.

Das baut eine ungeheure feine Gesamtabstimmung jeder einzelnen Armbewegung auf und erzeugt in der Anwendung den Einsatz einer bisher nicht gekannten Stärke in den Armen. Der normal trainierte Gegner hat keine Möglichkeit diese subtilen Vektorkräfte zu orten, noch sie neutralisieren zu können, geschweige denn ihnen etwas vergleichbares entgegenzusetzen zu können. Auch nur ein steifes, oder angespanntes Gelenk bietet keine Möglichkeit auf diese 3 übereinandergelagerten Raumbewegungen reagieren zu können. Aus diesem Grunde haben " äußere " mit Körperspannung arbeitende Systeme ihre Probleme mit dem 3 Kreise Prinzip. Der Angreifer wird auf 3 Raumspiralen gleichzeitig von seinem Ziel abgelenkt. Bestenfalls kann man als im 3 Kreise Prinzip Ungeübter auf 2 Vektorebenen reagieren, die 3. aber haut einem aus den Schuhen im wahrsten Sinne des Wortes. Ich beschäftige mich seit 1987 mit dem 3 Kreise Prinzip und den dazugehörigen Push hands.

In meinen Unterricht fließt dieses Denken auf allen Stufen mit ein. Meines Erachtens gibt es keine bessere Beschreibung für 3 dimensionale Raumbewegungen welche die Essenz aller Tai Chi Bewegungen darstellen. Im Tai Chi nimmt man soviel Raum ein, das für einen potentiellen Gegner gar kein Raum mehr übrig bleibt indem sich eine aggressive Handlung entwickeln könnte. Wer den Raum zwischen 2 Menschen kontrolliert kann nicht besiegt werden.Dies sind meine persönlichen Ansichten und Erfahrungen aus über 35 Jahren Beschäftigung mit den Kampfsystemen des fernen Ostens. Ich würde mich über Korrespondenz, Anregungen und Kritiken zu meinem Artikel sehr freuen. Bitte nehmen Sie Abstand von Herausforderungen: Ich will einen Dialog keine Auseinandersetzungen, welcher Art auch immer.

Ich behaupte nicht, daß Tai Chi heute die Krone der Kampfkunst ist, dafür gibt es viel zu wenig wirklich realistisch übende Kampfkünstler. Auch ich kämpfe nicht ständig, mit wem auch. Aber ich habe die Schlüssel, die man braucht, wollte man Tai Chi wirklich als höchst effektives " Inneres Kampfsystem " wieder reaktivieren.

Das Wissen darüber existiert auch heute noch, aber wie sagte einer meiner hochgeschätzten Meister, George Xu: Wer will sich heute im Zeitalter der Handfeuerwaffen noch solchen Qualen des langjährigen Trainings unterziehen. Wozu - es ist einfacher sich eine Knarre zu kaufen und gut schießen zu üben.
 

 

© V. Jung 2002
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